Projektierung nach Stahlknecht

Thema: Systementwicklung (System Engeneering)

Professionelle Entwicklung von DV-Anwendersystemen durch Systemanalytikern und Programmierern der DV-Fachabteilungen.


1. Phase: Projektbegründung

Interner oder externer Anstoß zur Entwicklung eines EDV-Anwendersystems in der Erwartung, dass ein zukünftiger EDV-Einsatz zur Verbesserung der Wirtschaftlichkeit beiträgt. Die Organisation übernimmt das Projektmanagement. Für Projektvereinbarungen gibt es die DIN 69901. Die Phase ist mit der Erteilung des Projektauftrags abgeschlossen.

2. Phase: Ist-Analyse

Zu Beginn der IST-Analyse ist festzustellen, welche Angaben erfasst werden sollen, welche Techniken der Erhebung anzuwenden sind und in welcher Form die Ergebnisse dargestellt werden soll. Ziel der Ist-Analyse ist es, die Schwachstellen bestehender Ablauforganisationen zu entdecken. Zuerst wird der Ist-Zustand erfasst und beschrieben, anschließend analysiert und bewertet.

Zu erfassen sind die Arbeitsabläufe mit zeitlichem Verlauf und den beteiligten Stellen, Schnittstellen zu internen und externen Stellen, das Mengengerüst, Kosten, bestehende Karteien und Vordrucke, bestehende Schlüsselsysteme, bisher eingesetzte Programme mit den dazugehörigen Dateien, Erfassungsbelege, Drucklisten, Masken und datenträgern. Die wichtigsten Erhebungstechniken sind: Interview, Fragebogen, Konferenz, Multimomentmethode, Dauerbeobachtungen und Selbstaufschreibung.

Anschließend wird durch das Organigramm, Arbeitsabläufe durch Rasterdiagramme und Datenflußpläne, Verarbeitungsregeln durch Programmablaufpläne und Entscheidungstabellen, zeitliche Abläufe durch Balkendiagramme und Netzpläne, Mengengerüste durch Tabellen und Präsentationsgrafiken dargestellt. Die Analyse des Ist-Zustandes muß die Schwachstellen in der Aufgabenerfüllung (z.B. Terminüberschreitungen), in den Auswirkungen (z.B. Zinsverluste) und in der Wirtschaftlichkeit aufdecken und nach den Ursachen suchen. Quantifizierbare Mängel sind z.B. Überstunden, Lieferverzögerungen, Inventurdifferenzen oder nicht ausgenutzte Skonto.

3. Phase: Grobkonzept (Sollkonzeption / Grobentwurf)

I. Konzeptenwicklung
In dieser Phase ist in schriftlicher Form ein grobes Konzept für das EDV-Anwendersystem zu entwickeln. Dabei soll aufgezeigt werden, wie sich die in der Ist-Analyse erarbeiteten Schwachstellen beseitigen lassen.

Hauptaufgabe ist es, die BENUTZERANFORDERUNGEN an das neue System zu erfassen und zu beschreiben. Das schriftliche Ergebnis wird Pflichtenheft (DIN 69901, Systemdefinition, Lastenheft) genannt. Es beinhaltet die Vorgaben des fachinhaltlichen Entwurfs (Leistungsumfang, Schnittstellen) und des EDV-technischen Entwurfs (Datenstruktur, Dateien, Grob-PAP, Muster für Masken, Formulare und Listen)


II. Wirtschaftlichkeitsanalyse
Wirtschaftlichkeitsvergleiche zwischen dem alten und den geplanten Verfahren und zwischen den vorgeschlagenen Alternativen. Diese Vergleiche können als reine Kostenvergleiche oder als Kosten-/Nutzen-Vergleiche durchgeführt werden.

A) Dynamische und statische Kostenvergleichsrechnung
B) quantifizierbare und nicht bewertbare Wirtschaftlichkeit
C) Multifaktordarstellung


III. Präsentation
Um ein Meinungsbild zu erarbeiten, einen ausgewählten Personenkreis zu informieren und um eine Entscheidung herbeizuführen.

4. Phase: Detailentwurf (System Design, Programmspezifikation)

Hauptaufgabe ist die Spezifizierung des Pflichtenheftes als direkte Vorgabe für die Phase Programmierung. Die Vorgaben des fachinhaltlichen und EDV-technischen Entwurfs sind zu spezifizieren.

Punkte eines Detailentwurfs:
Datenorganisation (Schlüssel, Dateibeschreibungen, Datensatzbeschreibung, Datenfeldbeschreibung, Match-Codes, Speicherungsform, externer Speicher, Mengengerüst), Eingabe (Primärdatenerfassung, halbdirekte, direkte Datenerfassung, Datenübertragung, Erfassungsbelege, Bildschirmaufbau nach DIN, Ablauf der Datenerfassung, Prüfziffernberechnung, Fehlermeldungen) Verarbeitung (Betriebsart der Ausgabeformate wie Listenbilder, Tabellen, Grafiken, COM, Bildschirmmasken; Druckformate, Schriftqualität und -typen z.B. OCR-A, Organisation der Druckausgabe als Offline- oder Spoolerbetrieb) Entwurfsprinzipien und -methoden.

Ein vollständiger, übersichtlicher und widerspruchsfreier Detailentwurf wird nur dann entstehen, wenn bei seiner Entwicklung systematisch, d.h. nach einem festen Prinzip vorgegangen wird. Software-Engeneering = ingeneurmäßige Vorgehensweisen zur Entwicklung von DV-Anwendersystemen.

Die beiden Grundprinzipien sind die TOP-DOWN-Entwicklung und die BOTTOM-UP-Entwicklung, beide Prinzipien basieren auf einem dritten Prinzip, dem der Modularisierung. Bewährt hat sich eine Kombination, bei der zunächst TOP DOWN ein grober Systementwurf und dann BOTTOM UP die schrittweise Detailentwicklung erfolgt.

Zur Umsetzung des Prinzips des strukturierten Systementwurfs sind u.a. das HIPO und SADT Verfahren sowie die JSP Methode. Für die Darstellung paralleler Prozesse, die typisch für die Transaktionsverarbeitung des Teilhaberprinzips sind, eignen sich am besten PETRI-Netze. Ein weiteres Entwicklungsprinzip ist das PROTOTYPING.

5. Phase: Programmierung / Test

Codierung (Übertragung) eines aus der Phase des Detailentwurfs vorgegebenen PAP/Struktogramm, falls erforderlich wird ergänzt bzw. detailliert. Der Prozess der Programmentwicklung wird systematisiert, nach den wesentlichen Bestandteieln des Software-Engeneering, d.h. strukturierte Programmierung. Hauptaufgabe des kaufmännischen Anwendungsbereichs ist die Verarbeitung von Massendaten (u.a. Sortierung, Dateifortschreibung, Gruppenwechsel)

- Prototyping
- Programmtest (Formaltest, Logiktest, Schreibtischtest, Modultest (Einzeltest)
- Testhilfen (debugging aids => tracing, backtracing, looping, dump)
- Software-Entwicklerwerkzeuge (CASE)
- Softwarequalität

6. Phase: Einführung / Wartung / Pflege

I. Wartung
Anpassung an Programmen an spätere Änderungswünsche der Anwender und an Veränderungen des Umfeldes (z.B. Tarifveränderungen, Steuergesetze, Rabattstaffel) sowie die Weiterentwicklung des Systems

II. Pflege
Ist die Beseitigung von Fehlern, die im täglichen Gebrauch festgestellt werden

Quelle

Informatik-Unterricht BBS1 - Oldenburg (Neddermann)